Die Klosterlandschaft von St. Michael in Bamberg

Projekt eines Welterbeparks
von Prof. Dr. Achim Hubel

Die ehemalige Benediktiner-Abtei St. Michael wurde 1015 auf Betreiben Kaiser Heinrichs II. durch den Bamberger Bischof Eberhardt gegründet und florierte seitdem in ununterbrochener Kontinuität fast 800 Jahre lang bis zur Säkularisation 1803. Damals übernahm die Stadt Bamberg das gesamte Klosterareal; in die Abteigebäude zog – ohne größere Umbauten – das Bürgerspital ein, ein Altenheim, das vorher sehr beengt in einem Gebäude am Maxplatz untergebracht war. Die Gebäude der Propstei St. Getreu fanden dagegen eine neue Nutzung als Nervenheilanstalt; beide Funktionen blieben über 200 Jahre bis heute unverändert, wobei sich allerdings St. Getreu durch Neubauten zu einer zeitgemäßen Nervenklinik entwickelte. Die rasche Übernahme bewirkte, dass das gesamte Klosterareal weitgehend unverändert erhalten blieb. Die ehemalige Abteikirche ist im Kern immer noch eine romanische Basilika, die der hl. Bischof Otto von Bamberg nach einem Erdbeben 1117 errichten ließ; das Grab des Heiligen machte über Jahrhunderte hinweg den Ruhm der Kirche aus. Große Umbaumaßnahmen im 17. und 18. Jahrhundert prägten das heutige, hauptsächlich barocke Erscheinungsbild der majestätisch auf dem „Michelsberg“ thronenden Klostergebäude. Auch innen sind die Räumlichkeiten gut erhalten, z.T. mit Stuckdekorationen sowie Wand- und Deckengemälden. Daneben gibt es auch noch den barocken Klosterpark, einen im Verlauf des 18. Jahrhunderts errichteten Terrassengarten, der sich nach einer Restaurierung in einem vorzüglichen Zustand befindet. Sogar das ehemalige Orangeriegebäude zur Überwinterung empfindlicher Pflanzen ist noch vorhanden. Die Kirche der ehemaligen Propstei St. Getreu präsentiert sich nach einer umfangreichen Restaurierung als prachtvoller barocker Bau, birgt aber auch einige wertvolle mittelalterliche Ausstattungsstücke aus der Klosterkirche.

 Man muss sich jedoch klar machen, dass mit dieser Aufzählung zwar alles genannt ist, was den meisten Bamberger Bürgern vertraut sein dürfte, dass aber damit der erhaltene Bestand des Klosterareals noch längst nicht erfasst ist. Die Parkanlagen lassen sich nämlich ergänzen durch eine große Streuobstwiese nördlich des Terrassengartens, den sog. Reuthersberggarten, sowie durch einen – heute ebenfalls mit Obstbäumen bepflanzten – Hang südlich der Abtei, der früher als Weinberg genutzt wurde und den Namen „Kameraten“ trug. Schon die ältesten Stadtansichten Bambergs aus dem 15. Jahrhundert belegen, dass diese Grünflächen südlich, östlich und nordöstlich des Klosters damals bereits vorhanden waren und auch von Anfang an kaum anders ausgesehen haben dürften. Seit der Gründung besaß das Kloster aber zudem im Westen und Nordwesten der Hauptgebäude einen gewaltigen Flächenbesitz, der zur landwirtschaftlichen Versorgung genutzt wurde und ebenfalls fast unverändert erhalten ist. Das gesamte Areal, das ungefähr 500 Hektar umfasste, lief vom südlichen Fuß des Michelsberges (vom Bereich des heutigen Aufseesianums) gerade nach Westen, umfasste die Waldwiese, den sog. Alten Berg und den Abtsberg und zog sich im Nordwesten an der Regnitz entlang, einschließlich der Fläche der heutigen ERBA. Im Westen schloss sich der – heute noch so genannte – Michelsberger Wald an, damals wie heute ein gemischter Laubwald im Umfang von etwa 300 Hektar, dessen Waldkanten bis heute unverändert blieben. 

Die freien Flächen zwischen den Klostergebäuden und dem Wald wurden intensiv genutzt und dienten der Versorgung der Abtei: Auf den der Sonne zugewandten Hängen der Hügel baute man Wein an, und zwar in solchem Umfang, dass das Kloster der größte Weinbergbesitzer der Stadt war. Außerdem pflanzte man zahllose Obstbäume an, vor allem Kern- und Steinobst, wobei man seit dem 16. Jahrhundert mit aus südlichen Ländern importierten neuen Sorten experimentierte und die Obstqualitäten ständig verbesserte. Während der Weinbau nach der Säkularisation noch kurzfristig weiter betrieben wurde, dann aber wegen der bescheidenen Qualität aufgegeben werden musste, sind noch eine Reihe der Streuobstwiesen vorhanden, die es früher in weit größerem Umfang gegeben hatte. Die Grünbereiche bilden heute ein Reservat seltener Tier- und Pflanzenarten in solcher Fülle, dass beispielsweise die „Waldwiese“ als Flora-Fauna-Habitat-Fläche (FFH) in den europäischen Biotopverbund „Natura 2000“ aufgenommen worden ist. Die Quellen innerhalb des Areals ermöglichten auch die Anlage von Fischteichen, um die Mönche während der Fasttage mit Fisch versorgen zu können, z. B. am Ottobrunnen, am nordwestlichen Ende des Maienbrunnens und am sog. Fischerhof, einer 1763 über der Gumbertsquelle errichteten Brunnenhalle, die von mehreren Fischteichen umgeben war. Zur Verarbeitung und Lagerung der Produkte errichtete man westlich der Abtei einen klostereigenen Gutshof, den sog. Ziegelhof, der ebenfalls noch existiert, auch wenn er zu Wohnzwecken umgebaut wurde. Entlang der Straße am Maienbrunnen entstanden schon im Mittelalter Reihenhäuser, die hauptsächlich von „Häckern“ (Wein- und Obstbauern), aber auch von Bediensteten und Angestellten des Klosters bewohnt wurden. Das gesamte Areal besaß den Status einer „Immunität“, d.h. alle Bewohner gehörten nicht zur Stadt, sondern zur Abtei, die auch die niedere Gerichtsbarkeit ausübte und Steuern einzog.

 Insgesamt ist diese Klosterlandschaft mit all ihren sakralen und profanen Gebäuden, Garten- und Parkanlagen sowie den landwirtschaftlichen Flächen und den Wegeführungen nach wie vor bestens erhalten; sie hat nur in den Randbereichen durch neue Bebauungen an Fläche eingebüßt. Sonst hat sich das Areal in den knapp 1000 Jahren seit der Gründung der Abtei kaum verändert. Gebäude und freie Flächen bilden eine vernetzte Einheit von solcher Qualität und Dichte, dass man von einer der wertvollsten historischen Kulturlandschaften sprechen kann, die es in Deutschland gibt. Unverständlich ist es daher, dass über Jahre hinweg die Stadt Bamberg eine Straße, die sog. Bergverbindungsstraße, mitten durch die Klosterlandschaft bauen wollte; damit wäre die einzigartige Situation brutal zerstört worden. Es ist dem Verein „Bewahrt die Bergstadt e.V.“ gelungen, durch höchsten Einsatz und intensive Öffentlichkeitsarbeit den Bau dieser verheerenden Straße zu verhindern. Nun muss den Bürgern der Stadt die Bedeutung der ehemaligen Klosterlandschaft noch viel deutlicher gemacht werden. Das nächste Ziel des Vereins ist es, die Ausweisung der Klosterlandschaft St. Michael als „Welterbepark“ zu erreichen:

  • die Grenzen des Altstadtensembles Bamberg sowie des Weltkulturerbes Bamberg, die unverständlicherweise quer durch die Klosterlandschaft führen, müssen ausgeweitet werden und das gesamte Areal einfassen;

  • durch systematische Forschung soll unser Kenntnisstand über die Klosterlandschaft, die Wegeführungen, den Weinbau, die Obstsorten und die anderen angebauten landwirtschaftlichen Produkte, die Zier- und Nutzgärten, die Wasserversorgung und die Fischteiche, die Sozialstruktur der hier lebenden Bewohner etc. erweitert werden;

  • längerfristig – vielleicht bis zur Landesgartenschau 2012 – soll der Welterbepark gestaltet werden, der durch behutsames Rekultivieren wieder Weinberge anlegt, Streuobstwiesen verdichtet, die Fischteiche ausgräbt und aktiviert, die Flora und Fauna pflegt usw. Durch Informationstafeln könnte das Leben und der Alltag einer mittelalterlichen Benediktinerabtei anschaulich gemacht werden. Kunstwerke im freien Raum könnten die Parkflächen bereichern, so dass hier eines der attraktivsten Naherholungsgebiete für die Bamberger Bürger entstehen würde, aber auch ein Magnet für Touristen aus aller Welt, die neben dem Weltkulturerbe Bamberg auch den Welterbepark St. Michael kennen lernen müssen.