GEO-Tag der Artenvielfalt

Begrüßung von Frau Dr. Jane Goodall
anläßlich ihres Besuches in Bamberg im Dominikanerbau
Rede von Michael Rieger,
2. Vorsitzender von Bewahrt die Bergstadt e.V.

 

Ms Goodall, liebe Gäste und Freunde,

was bringt denn einen kleinen Verein, der nicht weltumspannend arbeitet, wie unser Ehrengast – einen Verein, der sein Augenmerk nur auf einen kleinen Teil Bambergs – die Bergstadt – richtet, dazu, eine so bedeutende Persönlichkeit und Weltbürgerin wie die Forscherin und UN-Botschafterin für den Frieden, Jane Goodall einzuladen?
Was uns verbindet ist die Hoffnung auf eine Welt, in der die Menschen lernen achtsam mit ihrer Umwelt umzugehen und nachhaltig zu leben.
Wir sind kein Verein, der primär Naturschutz betreibt, aber wir wollen den Bewohnern der Bergstadt Bambergs eine lebenswerte Umwelt erhalten.
Damit sehen wir uns eingereiht in eine Bewegung, die sich einsetzt für den achtsamen Umgang der Menschen untereinander und mit den Grundlagen der Natur. Dies sind auch die Ziele von Jane Goodall. Auf ihren Reisen vermittelt sie die Idee, dass es auf jeden einzelnen ankommt, dass Nichtstun angesichts der Umweltzerstörungen heute eine Entscheidung gegen das Leben ist. Wir sehen unsere Arbeit vor Ort als einen Mosaikstein einer lebenswerten Welt.
Die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen und der Grundrechte des Individuums kann heute nur auf der Basis von Wissen um Zusammenhänge erfolgreich sein. Jane Goodall hat eingetretene Wege verlassen und damit Bahnbrechendes auf ihrem Gebiet der Forschung geleistet. Sie hat mit ihrer Arbeit und durch die Kraft ihrer Persönlichkeit aber auch Bewusstsein verändert und ist damit ein Vorbild für alle, die sich nicht mit einer Welt und einer Gesellschaft zufrieden geben, die auf dem Weg ist, ihre Grundlagen zu zerstören.
Auch in unserer Arbeit vor Ort erfahren wir immer wieder, wie wichtig das Wissen ist. Wer nicht um die Vergangenheit weiß, wer nicht seine Wurzeln – auch ein Begriff, den Jane Goodall verwendet – kennt und achtet wer wurzellos ist, hat keine Grundlage für sein Handeln.

Wo liegen die Wurzeln unserer Arbeit, wo unsere Ziele?
Wir hatten heute die Ehre, Frau Goodall durch das 1015 auf Betreiben Kaiser Heinrichs II. gegründete Kloster St. Michael zu führen, ihr die Pflanzendecke, die Stuckarbeiten, das Grab des heiligen Otto, die Orangeriegebäude und den hervorragend restaurierten Terrassengarten zu zeigen. Die Qualität und der Wert dieser Klosterelemente und neuerdings auch die renovierte St. Getreukirche sind den Bambergern und ihren Besuchern bestens bekannt und vertraut.
Nicht so aber die Tatsache, dass ein weiterer nicht minder wertvoller Schatz zu heben und zu bewahren ist: Seit seiner Gründung verfügte das Kloster St. Michael über einen gewaltigen Flächenbesitz. Dazu gehörte der Michelsberger Wald mit etwa 300 Hektar, dessen Struktur und Waldkanten bis heute unverändert blieben. Die nicht bewaldeten Flächen umfassten ungefähr 500 Hektar, sie erstreckten sich vom Michelsberg zur Waldwiese, über den Abtsberg an der Regnitz entlang, bis zur ERBA. Die Flächen dienten der landwirtschaftlichen Versorgung der Abtei.
Wie zur Blütezeit des Klosters zeigt sich diese als vielfältige von Menschenhand geformte Mosaiklandschaft. Man baute Wein an – das Kloster war größter Weinbergbesitzer der Stadt. Es gab zahllose Obstbäume, man experimentierte seit dem 16. Jahrhundert mit importierten neuen Sorten und verbesserte die Obstqualität. Ein bedeutender Teil der Streuobstwiesen ist heute noch vorhanden.
An Quellen lagen Fischteiche z. B. am Ottobrunnen, Maienbrunnen und am sog. Fischerhof, um die Mönche während der Fasttage mit Fisch versorgen zu können. Diese Mosaiklandschaft stellt heute ein Reservat seltener Tier- und Pflanzenarten dar.
Beim GEO-Tag 2003 wurden an einem Tag über 1000 Tier- und Pflanzenarten bestimmt. Auf den Tafeln links und rechts können Sie sich darüber informieren. Die Natur zeigt eine solche Qualität, dass beispielsweise die „Waldwiese“ in den europäischen Biotopverbund „Natura 2000“ aufgenommen worden ist.
Die Wirtschafts- und Sozialstruktur lässt sich auch heute noch z.B. am Ziegelhof, dem früheren Gutshof und an den mittelalterlichen Reihenhäusern am Maienbrunnen, die von Bediensteten und Häckern bewohnt wurden, studieren.
Insgesamt ist diese Klosterlandschaft mit all ihren sakralen und profanen Gebäuden, Garten- und Parkanlagen sowie den landwirtschaftlichen Flächen und den Wegeführungen bestens erhalten; sie hat nur in den Randbereichen durch Bebauung an Fläche eingebüßt.
Das Areal hat sich in den knapp 1000 Jahren seit der Gründung der Abtei kaum verändert. Gebäude und freie Flächen bilden eine vernetzte Einheit von solcher Qualität und Dichte, dass man von einer der wertvollsten historischen Kulturlandschaften sprechen kann, die es in Deutschland gibt. Eine Landschaft in der sich Natur und Kultur zu einer einmaligen Synthese zusammengefügt haben.
Unverständlich und nur durch Unwissen zu entschuldigen ist es daher, dass man über Jahre hinweg eine Straße, mitten durch die Klosterlandschaft bauen wollte; damit wäre die einzigartige Situation brutal zerstört worden. Durch höchsten Einsatz und intensive Öffentlichkeitsarbeit ist es dem Verein „Bewahrt die Bergstadt“ gelungen, den Bau dieser Straße zu verhindern. Nun muss den Bürgern der Stadt die Bedeutung der ehemaligen Klosterlandschaft noch viel deutlicher gemacht werden.

Das nächste Ziel des Vereins ist es, die Ausweisung der Klosterlandschaft St. Michael als „Welterbepark“ zu erreichen:

  • die Grenzen des Altstadtensembles Bamberg sowie des Weltkulturerbes Bamberg, führen unverständlicherweise quer durch die Klosterlandschaft. Sie müssen ausgeweitet werden und das gesamte Areal einfassen;

  • durch systematische Forschung soll unser Kenntnisstand über die Klosterlandschaft und die Sozialstruktur der hier lebenden Bewohner erweitert werden;

  • längerfristig – vielleicht bis zur Landesgartenschau 2012 – soll der Welterbepark gestaltet werden. Durch behutsame Eingriffe könnten ehemalige Nutzungen verdeutlicht und das Leben und der Alltag einer mittelalterlichen Benediktinerabtei anschaulich gemacht werden.

  • Kunstwerke im freien Raum würden hier eines der attraktivsten Naherholungsgebiete für die Bamberger Bürger entstehen lassen, Das Gebiet würde ein Magnet für Touristen aus aller Welt, die neben dem Weltkulturerbe Bamberg auch den Welterbepark St. Michael kennen lernen wollten.

Wir haben Frau Goodall nicht nur das Kloster gezeigt, sondern auch diese Landschaft. Im Ottobrunnen bei St. Getreu wurden – die Kälte verhinderte eine Baumpflanzung – Nüsse symbolisch übergeben. Ein Nussbaum wird im Frühling gepflanzt werden und als Zeichen der Hoffnung dort wachsen. Die heutige Veranstaltung will Anstoß geben zu einer Veränderung des Bewusstseins. Der kleine Mosaikstein „Welterbepark- Klosterlandschaft St. Michael“ eignet sich in seiner natur- und kulturhistorischen Vielschichtigkeit besonders, eine Verbindung von der Arbeit vor Ort hin zur globalen ökologischen Sichtweise herzustellen. Bamberg galt zu Zeiten Kaiser Heinrichs als Mittelpunkt der Welt. Dies heute noch zu behaupten wäre vermessen und geradezu lächerlich. Der Mittelpunkt muss heute im übertragenen Sinn in der Verantwortung gesehen werden, die jeder einzelne von uns hat, von seinem Standort - seinen Wurzeln aus, etwas zum Positiven zu verändern. Danke Dr. Goodall, dass Sie gekommen sind und dass Sie durch Ihre Persönlichkeit und Ihr Wirken die Dimension globaler Verantwortung vermitteln. Die Rede bezieht sich in wesentlichen Teilen auf den ebenfalls auf der Homepage einsehbaren Text von Prof. Dr. Achim Hubel. Im Saal wurde die Rede erheblich gekürzt gehalten, da die Vorredner zu viel Zeit beanspruchten. MR